Rope Flow als Assessment-Tool für Bewegung

Wenn ich mit Menschen mit dem Rope arbeite, passiert etwas, das ich sowohl im Training als auch in der Therapie ziemlich spannend finde: Ich bekomme sehr schnell eine Idee davon, wie sich ein Mensch bewegt.
Dabei kann ich am Anfang häufig noch gar nicht genau sagen, was mir auffällt. Manchmal ist es zunächst einfach dieses Gefühl: Irgendetwas an der Bewegung gefällt mir nicht. Sie läuft an einer Stelle nicht weiter, eine Seite sieht anders aus als die andere oder der Rhythmus verändert sich.
Und genau dann beginnt für mich der interessante Teil.
Denn ich kann anfangen hinzuschauen: Wie organisiert dieser Mensch seine Bewegung eigentlich? Wie arbeiten Schultergürtel, Wirbelsäule, Becken und Hüfte zusammen? Wo wird eine Bewegung durch den Körper weitergegeben und wo scheint sie zu enden? Wo übernimmt vielleicht ein anderer Bereich?
Für mich macht das Rope Flow zu einem ziemlich interessanten Tool, um Bewegung zu beobachten und daraus Hypothesen zu entwickeln.
Einer der ehrlichsten Trainingspartner
Ich sage immer wieder gerne: Das Rope ist einer der ehrlichsten Trainingspartner, die du haben kannst. Denn das Seil gibt dir permanent Feedback.Du kannst spüren, was du tust. Du spürst die Spannung im Seil, Beschleunigung und Verzögerung und bekommst ein Gefühl dafür, ob eine Bewegung leicht läuft oder ob du anfängst, sie irgendwo zu erzwingen. Du merkst, ob du einen Rhythmus findest und ihn halten kannst.
Gleichzeitig wird dieses Feedback auch nach außen sichtbar.
Wie bewegt sich das Seil? Bleibt seine Spannung erhalten? Läuft es gleichmäßig oder verändert sich der Rhythmus? Gibt es Stellen, an denen der Seilfluss plötzlich stockt? Funktioniert eine Bewegungsrichtung selbstverständlich, während die andere immer wieder unterbrochen wird?
Das ist für die Person mit dem Rope interessant. Es ist aber auch für mich als Trainer oder Therapeut interessant, weil ich das Verhalten des Seils zusammen mit der Bewegung des Körpers beobachten kann.
Und plötzlich bekomme ich ziemlich viele Informationen.
Eine Auffälligkeit ist noch kein Befund
Das ist mir an dieser Stelle wichtig. Wenn eine Bewegung mit dem Rope auf einer Seite nicht funktioniert, bedeutet das nicht automatisch, dass dort ein Gelenk eingeschränkt ist. Vielleicht fehlt tatsächlich Beweglichkeit. Vielleicht liegt es an der Koordination. Vielleicht verändert sich das Timing zwischen verschiedenen Körperabschnitten. Vielleicht hat die Person die Bewegung aber auch einfach noch nicht verstanden oder braucht mehr Zeit, um einen neuen Bewegungsablauf zu lernen.
Das Rope liefert mir darauf keine fertige Antwort.
Und genau deshalb würde ich Rope Flow auch nicht als diagnostisches Verfahren verstehen.
Eine Auffälligkeit im Rope Flow ist zunächst einmal eine Information. Aus dieser Information kann aber eine Frage entstehen. Und aus dieser Frage wiederum eine Hypothese, die ich anschließend genauer überprüfen kann.
Was passiert eigentlich mit dem Rest des Körpers?
Nehmen wir eine Person, die aufgrund einer Schulterproblematik zu mir kommt.
Natürlich schaue ich mir zunächst die Schulter an. Bewegung verbessert Bewegung und wenn jemand ein Problem mit seiner Schulter hat, gibt es keinen Grund, die Schulter dabei zu ignorieren.
Vielleicht können wir dort bereits einiges verändern. Die Beweglichkeit wird besser, bestimmte Bewegungen funktionieren wieder und die Situation entwickelt sich in die richtige Richtung.
Wenn ich die Person anschließend aber wieder innerhalb einer komplexeren Bewegung beobachte, kann ein anderes Bild entstehen.
Vielleicht fällt mir beim Rope Flow auf, dass sich auf einer Seite das Becken kaum beteiligt. Vielleicht wird die Rotation des Oberkörpers nicht vernünftig über den Körper weitergegeben. Vielleicht verändert sich genau dort auch der Seilfluss.
Bedeutet das, dass die Hüfte die Ursache für das Schulterproblem ist?
Nein.
Aber es gibt mir einen Grund, genauer hinzuschauen. Was passiert dort? Wie beweglich ist die Hüfte tatsächlich? Wie gut kann die Person Becken und Oberkörper miteinander koordinieren? Verändert sich die Bewegung, wenn wir an dieser Stelle etwas verändern? Damit entsteht aus einer zunächst relativ einfachen Beobachtung eine Hypothese, die ich mit anderen Tests oder Bewegungsaufgaben weiter untersuchen kann.
Vom Gesamtbild ins Detail und wieder zurück
Genau dieser Prozess gefällt mir sowohl im Training als auch in der Therapie.
Ich kann einen Menschen zunächst innerhalb einer zusammenhängenden Bewegung beobachten. Wenn mir dabei etwas auffällt, kann ich anschließend ins Detail gehen. Ich kann einzelne Gelenke untersuchen, Bewegungen isolieren, Koordination verändern oder mit anderen Techniken arbeiten. Und danach kann ich wieder zurück in die Gesamtbewegung gehen.
Hat sich etwas verändert?
Läuft die Bewegung jetzt anders durch den Körper? Beteiligt sich ein Bereich plötzlich mehr? Wird eine Rotation leichter? Bleibt der Rhythmus stabiler? Verändert sich vielleicht sogar sichtbar der Fluss des Seils?
Damit entsteht für mich ein Wechsel zwischen Gesamtbewegung und Detail.
Rope Flow hilft mir, bessere Fragen an Bewegung zu stellen
Vielleicht ist genau das der Punkt, warum ich Rope Flow inzwischen nicht nur als Trainingsmethode interessant finde. Das Rope macht Bewegung sichtbar. Es zeigt mir nicht, wo ein Problem liegt. Es stellt keine Diagnose und sagt mir auch nicht, welche Struktur ich behandeln muss.
Aber die Bewegung kann mir Fragen liefern, die ich anschließend genauer untersuchen kann.
Und manchmal ist genau das der entscheidende Unterschied. Wir schauen nicht nur darauf, wie beweglich ein einzelnes Gelenk ist oder wie viel Kraft ein Muskel entwickeln kann. Wir können anschließend beobachten, wie der Mensch diese Möglichkeiten innerhalb einer komplexeren Bewegung tatsächlich nutzt.
Wo entsteht Bewegung? Wo wird sie weitergegeben? Wo verändert sie sich? Und wie organisiert der Körper eine Aufgabe, bei der Rhythmus, Koordination, Rotation und Bewegung verschiedener Körperbereiche gleichzeitig zusammenkommen?
Für mich ist Rope Flow deshalb ein spannendes Assessment-Tool für Bewegung – im Training genauso wie als zusätzliche Perspektive innerhalb meiner therapeutischen Arbeit.
Nicht weil das Seil mir die Antworten gibt. Sondern weil es mir hilft, bessere Fragen zu stellen.
Rope Flow in deiner Arbeit
Wenn du selbst als Trainer oder Therapeut arbeitest und Rope Flow nicht nur als Trainingsform, sondern als Werkzeug für deine Arbeit mit Bewegung kennenlernen möchtest, melde dich gerne bei mir.
Ob Workshop, gemeinsame Fortbildung oder ein anderer Rahmen: Wir können schauen, was für dich, dein Team oder deine Arbeit sinnvoll ist.
Lass uns ins Gespräch kommen.




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